Das Sanduhr-Syndrom

Das Sanduhr-Syndrom

Die Brauereilandschaft schrumpft in der Mitte.

In den vergangenen Jahren häufen sich negative Meldungen, welche die deutsche Bierbranche, insbesondere mittelständische Privatbrauereien, betreffen. Immer wieder müssen wir schmerzhafte Nachrichten hinnehmen: Schließungen, Übernahmen durch Großkonzerne, Insolvenzen.

Besonders aufschlussreich ist, in welchem Segment die Schließungen stattfinden. Zwischen 2015 und 2025 wuchs die Zahl der kleinsten Braustätten (bis 1.000 Hektoliter) um 14 Prozent. Die Klasse von 10.000 bis 100.000 Hektoliter verlor dagegen 26 Prozent ihrer Betriebe, die Klasse von 1.000 bis 10.000 Hektoliter 21 Prozent (nach Daten des Deutschen Brauer-Bundes). Das Brauereisterben erwischt nicht alle Größenklassen gleichmäßig: Die Mitte wird ausgehöhlt.

Prominente Beispiele:
* Die Mannheimer Privatbrauerei Eichbaum hörte nach fast 350 Jahren auf.
* Die Brauerei Wolters in Braunschweig, die 1995 noch rund 570 THL ausstieß, stellt Ende 2026 nach 399 Jahren die Produktion ein. (Das Hofbrauhaus Wolters musste im Juni 2026 ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung anmelden. Ein wesentlicher Auslöser war der Rückzug des bisherigen Eigentümers, der Volksbank BRAWO, die zuvor noch Millionen in neue Anlagen investiert hatte.)
* Die Schussenrieder Brauerei mit zuletzt rund 60.000 Hektolitern Jahresausstoß ist insolvent.

Versuchen wir einen Blick in die Zukunft zu werfen, so ergeben sich mögliche Szenarien:

Szenario 1 – die Sanduhr

Wir erleben weiterhin einen starken Rückgang beim Bierausstoß. Bier wird zu großen Teilen als »Massenware« betrachtet und verkauft.

Der Markt teilt sich wie eine Sanduhr. Oben sehen wir einige wenige Großbrauereien und internationale Konzerne mit Skalenvorteilen, Entalkoholisierungsanlagen und enormer Kommunikations- und Handelsmacht. Unten bleiben viele Kleinstbrauereien, die fast nur lokal und am eigenen Ausschank verkaufen; nicht selten kombiniert mit eigener Gastronomie. Die Mitte hingegen bricht weg. Die deutschen Zahlen nach Größenklassen zeigen, dass diese Entwicklung bereits begonnen hat.

Szenario 2 – Die neue Alltagskultur

Moderater Rückgang. Bier wird als Wert wahrgenommen. Bier erfindet sich als Getränk für alle Lebenslagen neu. Zum klassischen Bier kommen alkoholfreie und leichte Varianten, die als vollwertige Biere gelten und keine Verzichtsprodukte sind. Die Menge sinkt langsamer, weil Bier Anlässe zurückgewinnt, die es an Wasser, Limonade und Spritzer verloren hatte.

Meine persönliche Einschätzung

Ich glaube, dass keines der beiden Szenarien in reiner Form kommen wird. Wahrscheinlicher ist eine Mischung mit regional unterschiedlichen Schwerpunkten. Im Handel dominieren weiterhin Konzerne, Großbrauereien; beziehungsweise Preiskampf, Konsolidierung und die Sanduhr (Kleinstbrauereien haben minimale Möglichkeiten, lokal begrenzt gelistet zu werden). In der Gastronomie und im Direktverkauf entstehen Inseln für 2.

Damit sich hoffnungsvolle Szenarien wie »2« überhaupt entwickeln können, bräuchte es eine noch intensivere Zusammenarbeit von Privatbrauereien, auch wenn sich ihre Liefergebiete überschneiden und sie teilweise im Wettbewerb zueinander stehen. Es gibt dazu Ansätze, aber da ist auch viel Klein-Klein und manche Vorstöße werden, wenn überhaupt, dann eher nur zag- und bruchstückhaft unternommen.

Strategie und hochprofessionelle Kommunikation

Grundvoraussetzungen wären einerseits ein sorgsam ausgearbeitetes strategisches Konzept, das nach Verabschiedung radikal umgesetzt wird und über geraume Zeit höchstens taktische Anpassungen erfährt. Zum Zweiten müsste die Strategie durch eine qualitativ hochstehende Kommunikationskampagne unterstützt und publik gemacht werden. Gegenwärtig sichtbare Kampagnen zeigen qualitativ und quantitativ enorm viel Luft nach oben.

Ist eine neue Initiative möglich?

Nachdem die Aufwertung des Bieres im Zuge der (zumal im deutschsprachigen Raum) beendeten Craftbier-Bewegung gescheitert ist, bedarf es eines neuen Anlaufs, um den Wert und die Qualität von Bier neu zu kalibrieren. Einzelne Brauereien, so gut sie sein mögen, und kleine Verbände werden dazu nicht ausreichen. Brauerei-Fanclubs und Bierkonsumentenvereine müssen genauso eingebunden werden wie beerkeeper beziehungsweise Biersommeliers und deren Vereinigungen. Der Mittelstand muss noch enger zusammenstehen und noch viel entschlossener und vor allem besser agieren.

Ansonsten tickt die Sanduhr!

 

Text: Sepp Wejwar
Foto: Claude Piche / Unsplash

Comments

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Sir Oliver • 1 Hour ago
Schon erschreckend, wie es um unser aller Liebe steht. Ich Kämpfe dagegen an, so gut es eben geht.
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