
Das Oktoberfest, größtes Volksfest der Welt, Wallfahrtsort für Maßkrug-Pilger in Lederhosen und Dirndln aus aller Welt, braucht offenbar einen neuen Song. Einen echten. Einen, der irgendwann so selbstverständlich dazugehört wie der erste Schluck aus der Maß. Das Problem dabei: Evergreens lassen sich nicht ausschreiben. Sie entstehen, wenn niemand hinschaut, werden groß, weil alle mitsingen wollen, und sind irgendwann einfach da.
Das Münchner Referat für Arbeit und Wirtschaft sieht das pragmatischer – und hat den Musikwettbewerb „A Liad für d’Wiesn“ bereits zum zweiten Mal ausgerufen.
Bayerisch. Professionell. Fröhlich.
Die Anforderungen sind klar formuliert, fast schon charmant in ihrer Nüchternheit: Der Song muss live spielbar sein. Er muss bayerisch sein – in Sprache oder Instrumentierung. Er muss professionell aufgenommen worden sein. Und er soll – Originalton – „föhliche Stimmung vermitteln, positive Emotionen wecken und zur ausgelassenen Atmosphäre auf dem Fest passen“.
Wer jetzt lacht, darf das. Aber er sollte kurz innehalten: Denn irgendwo zwischen dieser herrlich bürokratischen Beschreibung und dem tatsächlichen Wiesn-Erlebnis – Maßkrug, Bretzel, über 15 Euro Bierpreis – steckt die Frage: Wie klingt eigentlich das Oktoberfest, wenn man es neu erfindet?
Deadline, Voting, Bühne
Bis zum 26. April können Künstlerinnen und Bands aus Bayern und den angrenzenden Regionen ihre Songs auf www.oktoberfest-musikwettbewerb.de hochladen. Dann übernimmt ein Expertengremium die erste Sichtung. Was die Jury überzeugt, wandert ins öffentliche Online-Voting – von 1. bis 28. Juni. Der Gewinnersong wird am 1. August auf der Hauptbühne der „Brass Wiesn“ im Landkreis Freising live bekanntgegeben. Inklusive, wie es heißt, „umfassender Promotion“ – was immer das im Jahr 2026 bedeutet.
Partner des Wettbewerbs sind Antenne Bayern, die Brass Wiesn, der Verein der Münchner Brauereien sowie die Vereinigung der Münchner Wiesnwirte. Botschafter ist Michael Fenzl – der Vorjahressieger, der 2025 mit seinem Song „Bierdringa“ das Finale erreichte und den Wettbewerb gewann.
Der ewige Verdacht
Natürlich drängt sich die Frage auf: Braucht die Wiesn wirklich einen neuen Hit? Oder braucht sie einen, der aussieht wie einer, damit die Berichterstattung läuft, das Branding stimmt und das Referat für Arbeit und Wirtschaft im nächsten Jahresbericht etwas Schönes verbuchen kann?
Vielleicht beides. Und vielleicht ist das auch gar nicht schlimm. Denn das Oktoberfest ist seit jeher ein Meister darin, Tradition und Inszenierung so geschickt zu verweben, dass man am Ende nicht mehr weiß, und auch nicht mehr fragt, was echt ist und was Dekoration.
Ein neues Lied für die Wiesn? Warum nicht. Ein Prosit auf die Gemütlichkeit
Foto: Screenshot Oktoberfest@Facebook vom 20.04.2026