
Beer & Food Pairing ist selten geworden. Das gezielte Zusammenspiel von Bier und Speise, abgestimmt und fachkundig erläutert, findet kaum noch statt. Für die BeerTasting-Community wollen wir, neben den Nachrichten aus der Szene, gezielt bierkulturelle Themen hervorheben; das Pairing gehört dazu.
Ein Abend in der Eventlocation Alte Färberei in Reutlingen zeigt, dass es diese Kultur noch gibt. Fire & Beer heißt das Format. Während Bier beim Grillen oft nebenher getrunken wird, ist es hier elementarer Bestandteil der Architektur.
Fast eine Wissenschaft
In fast jedem Haushalt mit Balkon, Terrasse oder Garten steht heute ein Grill. Was einmal schlicht Rost über ordentlicher Glut war, ist zur eigenen Wissenschaft geworden. Drumherum wird viel diskutiert: Gas oder Holz, Kugel, Smoker, Plancha; dazu Thermometer, Zangen und viel sonstiges Zubehör. Meist stehen Männer am Grill. Männer lieben Feuer, Männer grillen Fleisch, und sie greifen zur Flasche. Zur Bierflasche. Vielleicht setzen sie ihr Huhn auf eine Bierdose, vielleicht übergießen sie ihr Fleischstück mit dem edlen Gebräu. Fire & Beer inspiriert zu mehr.
Zwei Könner ihres Fachs
Die Alte Färberei, ein denkmalgeschütztes Fabrikgebäude, ist seit 2017 Grill- und Eventlocation. Fire & Beer ist nur eines der zahlreichen Angebote der dort ansässigen Grillakademie. Und eines der erfolgreichsten. Ein Prinzip zieht sich durch den Abend: Zu jedem Gang gehört ein spezielles Bier. Und in jedem Gang ist das Bier eine wesentliche Zutat.
Durch den Abend führen zwei Männer. Tobias „Toby" Walker steht fürs Feuer. Er ist gelernter Koch, kommt aus der Sterne-Gastronomie, war beim Aufbau der Weber Grill Academies in Berlin und Kassel mit dabei, ist amtierender BBQ-Weltmeister und Deutscher Meister am Grill. Sprich: er ist einer der Besten. Heinrich Rieber steht fürs Bier. Der Braumeister und beerkeeper® auf Master Level hat weltweit Brauanlagen in Betrieb genommen, kennt die Bierkultur rund um den Globus. Er wählt die Biere aus und erzählt ihre Geschichten.
Was Bier alles kann
Am Grill, ausgerechnet am Grill, zeigt sich an diesem Abend, was Bier leisten kann. Es fließt in die Marinade und per Spritze ins Fleisch, es schmort mit den Zwiebeln, es glasiert den Braten, es verfeinert den Teig fürs Dessert. Tobys Rezepte sind weit raffinierter, als es in diesen wenigen Worten anklingt.
Und Heinrichs Bierauswahl hat es in sich. Mal hält ein kräftiges Bier einer kräftigen Speise stand, mal setzt es einen Gegenakzent, mal nimmt es einen Ton der Röstaromen auf. Immer bereichert es das Rezept als Zutat. Die Spannweite reicht vom schlichten Hellen bis zum dunklen Doppelbock.
Zwei Geschichten bleiben mir besonders in Erinnerung. Zu den würzigen Chicken Wings erzeugte das O'Hara's Irish Stout Nitro ein Feuerwerk an Aromen. Es war mein Pairing-Favorit des Abends. Und dann beim Dessert: Fire & Beer sehr wortnah umgesetzt, als glühendes Eisen im Aventinus Weizendoppelbock versank….
Überhaupt das Fleisch: feines Landschwein, das Rind wunderbar marmoriert, kein Tier aus der Massentierhaltung. Mein heimliches Highlight war Tobys „Fleisch-Tasting", ein Zwischengang. So gutes Fleisch habe ich noch selten essen dürfen. Was es war, verrate ich nicht. Auch nicht das Bier, das dazu gereicht wurde. Das probiert man besser selbst.
Bekenntnis einer Gemüsegrillerin
Ich bin keine Grillspezialistin. In Sachen Fleisch schon gar nicht. Ich bin die Frau, die dem Klischee entspricht, die am Rost lieber die Zucchini wendet als das Steak. Und doch habe ich an diesem Abend erlebt, was die Faszination Grillen ausmacht, und verstehe sie jetzt besser. Wenn gegrillt wird, dann bitte auf diesem Niveau, mit Fleischwaren von solcher Qualität.
Und eines noch, ihr grillenden Männer: Wählt das passende Bier. Aus der ganzen, großen Bandbreite unserer wunderbaren Biervielfalt.
Der Fairness halber eine Offenlegung: Heinrich Rieber, der an diesem Abend die Biere auswählte und gemeinsam mit Toby Walker moderierte, ist mein Sohn. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Er liebt, genau wie seine Mutter, die Bierkultur und das Beer & Food Pairing.
Text: Birgit Rieber