
BrewDog, der schottische Bierkonzern, zieht sich aus Deutschland zurück. In einem internen eMail informierte laut CHIP.de der Mitgründer und CEO James Watt die Belegschaft über eine bevorstehende Insolvenz-Anmeldung der deutschen Tochtergesellschaft.
Gleich mehrere Standorte wurden sofort geschlossen, darunter die Bar in der Berliner Ackerstraße in Mitte sowie der beliebte Biergarten mit Brauerei im Marienpark. Auch der verbliebene Standort in Hamburg soll in Kürze folgen; die Filialen in Wiesbaden und Friedrichshain hatten bereits dichtgemacht. Laut Watt sei die Insolvenz ein notwendiger Schritt, um die Marke strategisch neu aufzustellen. Ein in solchen Fällen beliebter Euphemismus.
Mitarbeiter*innen erhalten Februar-Gehalt nur über Insolvenzgeld
Für die Beschäftigten hat die Entwicklung finanzielle Konsequenzen. Die Gehälter für Februar werden nicht regulär ausgezahlt, die Angestellten sollen Insolvenzgeld über die Bundesagentur für Arbeit beantragen. Ein vorläufiger Insolvenzverwalter begleitet das Verfahren. Konkrete Ursachen für die wirtschaftliche Schieflage nennt BrewDog bislang nicht.
»Craftbier«: Schwieriger Markt in Deutschland
Der Rückzug überrascht Insider kaum. Der Begriff »Craftbier« hat im deutschsprachigen Raum nie eine allgemein anerkannte Definition erfahren, von quantitativer Abgrenzung zum Rest der Bierwelt ganz zu schweigen. Obendrein haben profunde Branchenkenner*innen erkannt, dass Bierstile abseits des Mainstreams (bestehend aus hellen Vollbieren und regional starken Stilfamilien, wie Alt, Kölsch oder Weißbier), in Deutschland nie einen ausreichend großen Marktanteil erreicht haben. Ein wenige Jahre andauernder Boom – der in Deutschland etwa in der zweiten Hälfte der Nullerjahre begann und schon vor der Coronakrise seinen Höhepunkt erreicht hat – ist längst zu Ende. Der auch in Deutschland rückläufige Biermarkt und jüngere Trends zu Alkoholfreien Bieren oder schwach gehopftem »Hellen« tragen das ihre zur schwierigen Situation von internationalen Unternehmen wie BrewDog bei.
Zweifelhafte Praktiken
BrewDog wurde 2007 als Craftbier-Marke gegründet und eroberte mittels pointierten Bieren, etwa dem kräftig gehopften »Punk-IPA«, rasch Marktanteile. 2021 wurden bereits mehr als 60 BrewDog Bars im Vereinigten Königreich betrieben. Ein Gutteil des Wachstums wurde mit Hilfe des Beteiligungsmodells »Equity for Punks« finanziert. Neben Standorten in den USA sind solche in Florenz, Helsinki, SaoPaolo und Barcelona bekannt.
Auch das Marketing war nicht zimperlich. So wurden in teilweise verstörenden BrewDog Werbe-Videos Flaschen konkurrierender Marken mit Golfschlägern traktiert; Tierschützer*innen waren mäßig erfreut über die Abfüllung des Ultra-Stark-Bieres „End Of History“ (55 % Vol) in Hermelinen und Grauhörnchen – die wenigstens ausgestopft waren. Greenwashing-Vorwürfe, die Aberkennung des Zeichens „Benefit Corporation“ und ein offener Brief, den – laut wikipedia-Eintrag – mehr als 300 ehemalige Mitarbeiter*innen 2021 veröffentlicht hatten, sowie bedenkliche Ergebnisse von BBC-Recherchen aus 2022 hatten weiter am Image des international agierenden Bierkonzerns gekratzt.
BrewDog in Deutschland
In Deutschland eröffnete BrewDog 2016 eine Bierbar in Berlin, 2019 eine in Hamburg. Ebenfalls anno 19 übernahm der aus Schottland stammende internationale Bier-Riese BrewDog den kurz davor von StoneBrewing begründeten Standort Marienpark inklusive Brauerei auf dem Gelände eines ehemaligen Gaswerks. Greg Koch (StoneBrewing Mitbegründer) hatte offenbar den besseren Riecher.
Bild: Standort Berlin Marienpark - © BrewDog