Folge 5/11 - WM 2026 - Gruppe D

Folge 5/11 - WM 2026 - Gruppe D

Es geht weiter in unserer Serie. Wir zeigen wir euch, wie das Thema Bier in den teilnehmenden Ländern der Fußball-WM 2026 gelebt wird. Heute schauen wir in die Länder der Gruppe D.

Folge 1: Gruppe E&J

Folge 2: Gruppe A

Folge 3: Gruppe B

Folge 4: Gruppe C

USA, das Gastgeberland

 

Zwei Welten

Wer Bier in Amerika bestellt, betritt eine von zwei Welten.

Welt eins: Das meistverkaufte Bier der USA heißt Michelob Ultra. Ein helles, kalorienarmes Lager von AB InBev, das 2025 Budweiser vom Thron verdrängt hat. AB InBev hält 34 Prozent Marktanteil. Bud Light, Budweiser, Busch, Natural Light — alles AB InBev. Der Konzern dominiert den Massenmarkt wie sonst nirgendwo.

Welt zwei: Knapp 9.600 Craft-Brauereien. 13,4 Prozent Volumenanteil, fast 25 Prozent Umsatzanteil am 113-Milliarden-Dollar-Biermarkt. Ein eigenständiges Universum, das die Bierkultur weltweit verändert hat.

Beide Welten existieren nebeneinander. Sie berühren sich selten.

Warum Amerika so lange Einheitsbier trank

Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts veränderte die Brauwelt global. Carl von Linde entwickelte 1870 die erste großtechnische Kältemaschine. Louis Pasteur klärte in den 1860ern die Mikrobiologie der Gärung. Eisenbahn und Flasche machten überregionalen Vertrieb möglich. Das untergärige Lagerbier war kühl, klar, haltbar, reisefähig. Es verdrängte Stilvielfalt — in Europa genauso wie in Amerika.

In den USA beschleunigte ein historischer Einschnitt diesen Prozess drastisch: die Prohibition. 1920 bis 1933, dreizehn Jahre Alkoholverbot. Davor war amerikanisches Bier vor allem deutsches Bier — fast fünf Millionen deutschstämmige Einwanderer hatten Milwaukee und St. Louis zu Brauereihauptstädten gemacht. Anheuser, Busch, Pabst, Schlitz, Miller. Dann kam die Zwangspause. Danach überlebten nur die Größten — mit dem einfachsten Produkt. Das American Lager: blass, mild, massentauglich.

Was in Europa ein gradueller Prozess war, vollzog sich in Amerika innerhalb einer Generation

Die Revolution und ihre Kinder

1979 legalisiert Jimmy Carter das Heimbrauen. Tausende Hobbybräuer beginnen zu experimentieren. Viele werden professionell. 1980 gründet Ken Grossman die Sierra Nevada Brewing Company in Chico, Kalifornien. Sein Pale Ale, gebraut mit dem damals neuen Cascade-Hopfen — blumig, grapefruitig, lebendig — wird zum Startschuss der amerikanischen Craft-Beer-Revolution.

Was in Kalifornien beginnt, verändert die Brauwelt. Die Idee, Bier als handwerkliches, aromatisches, eigenständiges Produkt zu begreifen, breitet sich von den USA aus — nach Europa, nach Australien, nach Asien. Heute gibt es kaum ein Land, das keine eigene Craft-Szene hat. Der Impuls kam aus Amerika.

IPA, der Bierstil des Booms

Amerika hat den IPA als globalen Biertrend zweimal neu erfunden.

Zuerst der West Coast IPA: trocken, klar, bitter. Zitrus, Kiefer, hartes Wasser. Stone mit seinem Arrogant Bastard, Russian River, Firestone Walker. Der Rest der Welt schaut zu und lernt.

Dann, ab 2013, das Hazy IPA — auch New England IPA, Vermont IPA oder Juicy IPA genannt. Weich, saftig, trüb. The Alchemist in Vermont wird gerne als "Erfinder" genannt. 2018 wird der Stil offiziell anerkannt.

Beide Male: Made in America. Der Unterschied zwischen den Stilen ist nicht nur geografisch, er ist charakterlich. West Coast: präzise, direkt, keine Kompromisse. New England: weich, einladend, rund. Man könnte sagen: wie die Städte, aus denen sie kommen.

Parking Lot, Bier, Football

In Europa trinkt man Bier im Stadion. In Amerika fängt man davor an — auf dem Parkplatz. Tailgating: Grill, Kühlbox, Campingstühle, Bier. Zwei Stunden vor dem Anpfiff. Das ist Kulturform, nicht Exzess.

Am Super Bowl-Sonntag steigt der Bierkonsum in den USA um 36 Prozent. Die Werbeblöcke des Super Bowl sind selbst ein Ereignis — und Beer-Spots gehören seit Jahrzehnten dazu. Budweiser-Pferde, Bud Light-Ritter. Jedes Jahr bewertet, diskutiert, erinnert.

Die WM 2026 findet in diesem Land statt. Willkommen in der Tailgate Nation.

 

Australien

 

Foster's gilt weltweit als das australische Bier schlechthin. Das Klischee sitzt tief: der Outback, das Känguru, das große kalte Bier. Die Realität: In Australien selbst spielt Foster's keine Rolle.

Zwei Brüder aus New York gegründeten die Brauerei 1888 in Melbourne. William und Ralph Foster reisten mit einem deutsch-amerikanischen Brauer und einem Kältetechniker aus Amerika an. Schon 1907 übernahm Carlton & United Breweries die Marke. 2011 kaufte SABMiller. Heute hält Heineken die Braurechte für Europa. In Australien wird Foster's nicht mehr gebraut.

Was Australier wirklich trinken

Victoria Bitter, Carlton Draught, Great Northern, XXXX (Four X) sind die echten Volksmarken. Alle unter dem Dach von Carlton & United Breweries, kurz CUB. 2020 verkaufte AB InBev die CUB für rund elf Milliarden Euro an die japanische Asahi Group. XXXX, das Bier Queenslands, gehört Kirin, ebenfalls japanisch.

Die australischsten Biere des Landes sind in japanischer Hand.

Was die Kolonisierung verdrängte

Bevor britische Siedler 1788 mit der First Fleet ankamen, stellten die Aborigines andere Getränke her. In Tasmanien wurde aus Baumsaft das dem Cider vergleichbare Way-a-linah hergestellt. In Westaustralien nutzten die Aborigines die zuckerreichen Blüten von Banksia- und Flaschenputzerpflanzen. Im Northern Territory die Nüsse des Pandanus-Baums. Dokumentiert wurden diese Traditionen ab den 1830ern, heute sind sie so gut wie vergessen. Heute gibt es erste Versuche, Way-a-linah zu revitalisieren.

Die Kinder des Craft Beer Booms

Die australische Craft-Szene war einmal stolz auf ihre Unabhängigkeit. Dann übernahmen die Konzerne. Stone & Wood gingen an Lion/Kirin. Pirate Life und 4 Pines an AB InBev. Balter an CUB/Asahi. Die bekanntesten Namen der australischen Craft-Bewegung gehören heute denselben Konzernen wie die Volksmarken.

Einer, der noch unabhängig ist: Mountain Culture Beer, gegründet 2019 in Katoomba in den Blue Mountains westlich von Sydney. Ihr Status Quo Pale Ale gewann drei Jahre in Folge die GABS Hottest 100 — Australiens größte Bierabstimmung, rund 30.000 Votes. Kein Werbeetat. Kein Konzern im Rücken. Nur das Bier.

Australien mag Foster's in die Welt exportiert haben. Zu den Matches stoßen sie mit anderen Bieren an. 

 

Türkei und die Löwenmilch

 

Das türkische Nationalgetränk ist nicht Bier. Es ist Rakı — destilliert aus Trauben, aromatisiert mit Anis. Mit Wasser wird er weiß und trüb. Die Türken nennen ihn Aslan Sütü: Löwenmilch. Rakı ist Ritual, Gesellschaft, Gedicht. Bier hat die Nebenrolle.

Ein Berner in Konstantinopel

1890 gründet Walter Bomonti aus Bern in Konstantinopel die erste industrielle Brauerei der osmanischen Hauptstadt. Für die Gründung braucht er eine Fetva — eine religiöse Erlaubnis des Scheich-ül-Islam. Der Sultan stimmt zu. Bomonti braut. Das Geschäft läuft. Er kehrt später nach Bern zurück und lässt sich dort eine Villa mit 14 Zimmern und neun Bädern bauen.

in den 1930ern  wird die Brauerei verstaatlicht und 1991 stillgelegt. Das Gebäude steht noch. Heute ist die »Bomontiada« ein Kulturzentrum im Istanbuler Stadtteil Şişli. Die Marke Bomonti gehört längst Efes.

Efes und Erdoğan

1969 wird Anadolu Efes in Izmir gegründet. Heute hält das Unternehmen 75 Prozent Marktanteil in der Türkei. Die Nummer zwei ist Tuborg — seit 2001 mehrheitlich im Besitz der dänischen Carlsberg-Gruppe.

2013 bringt Erdoğan ein Gesetz durch, das Alkoholverkauf nach 22 Uhr verbietet und Werbung stark einschränkt. Alkohol verschwindet aus dem Fernsehen. Erdoğan erklärt öffentlich: „Ich verstehe nicht, warum Menschen Wein trinken, wenn sie die Trauben essen könnten." Anadolu Efes warnt, die Beschränkungen würden das Marktwachstum dauerhaft bremsen. Die Tourismusindustrie protestiert. Die Regelungen bleiben.

Säkulare Verfassung, islamisch geprägte Regierung, Millionen Touristen, die Bier verlangen. Die Spannung erinnert an Marokko an andere muslimisch geprägte Länder.

Kleines Pflänzchen Craft

In Istanbul, wo sich Europa und Asien begegnen, gibt es eine kleine Craft-Szene. Brauereien wie Gara Guzu, Bosphorus Brewing und Torch Brewery experimentieren mit internationalen Stilen und lokalen Zutaten. Die Stadt war immer durchlässig für das, was aus dem Westen kam — Bierkultur eingeschlossen.

 

Die Türkei hatte ihr bestes WM-Ergebnis 2002: Platz 3. Daran messen sich seither alle türkischen Fußballgenerationen. Gefeiert und gejubelt wird bei jedem Tor. Und vielleicht auch angestoßen. Mit Bier, mit Rakı, was auch immer. 


Paraguay

 

Paraguay trinkt Tereré — einen Aufguss aus Yerba-Mate-Blättern, kalt, mit frischen Heilkräutern verfeinert. Die Kräuter heißen pohã ñana auf Guaraní, der Sprache der indigenen Guaraní-Völker.  Neben Spanisch ist das die offizielle Landessprache, die von rund 90 Prozent der Paraguayer gesprochen wird.  Welche Kräuter verwendet werden, entscheidet jede Familie selbst. Getrunken wird Teneré mit einem Metallhalm, 'bombilla' genannt, aus der Guampa — einem Becher aus Rinderhorn. Den reicht man im Kreis weiter, von Hand zu Hand. 2020 erkannte die UNESCO die Tradition als immaterielles Kulturerbe an. Tereré ist das Nationalgetränk Paraguays — alkoholfrei, und gesellschaftlich tiefer verankert als jedes Bier.

Und das Bier?

1881 gründen deutsche und Schweizer Einwanderer die Kolonie San Bernardino am Ufer des Ypacaraí-Sees, westlich von Asunción, die erste europäische Kolonie Paraguays. 1885 eröffnet Peter Adam Herken, eingewandert aus der Gegend von Düsseldorf, die erste Brauerei des Landes: die Herken-Brauerei. Rund fünfzig Jahre später schließt sie.

Am 12. Oktober 1912 kommt Cerveza Pilsen auf den Markt — heute die älteste und meistgetrunkene Biermarke Paraguays. Produziert von Cervecería Paraguaya, die zu AB InBev gehört. Brahma ist ebenfalls präsent, ebenfalls AB InBev. Der paraguayische Biermarkt gehört also im Wesentlichen dem größten Braukonzern der Welt.

Vor etwa zehn Jahren fingen erste Hobbybrauer in Asunción an . Sie schmuggelten Hopfen und Malz aus Argentinien ins Lan, weil es keine lokalen Bezugsquellen gab. Heute gibt es in Asunción und Encarnación eine wachsende Craft-Szene mit Brauereien, die IPAs, Red Ales und Weizenbiere brauen. Sajonia Brewing gilt als Pionier, ebenso wie  die Brüder Augusto und Ernesto Stanley. Sie haben mit Cervecería Artesanal Herken die Brauerei ihres Urgroßvaters im Jahr 2016 wieder aufleben lassen. 

Los Albirroja

Paraguays Nationalteam, Los Albirroja, die Rot-Weißen, erreichte bei der WM 2010 das Viertelfinale. Ihr bisher bestes Ergebnis. Für 2026 haben sie sich zurückgekämpft, nach Jahren ohne Qualifikation.

Wir drücken den Paraguayern die Daumen.

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